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„Denkmodelle“ nennt Karien Vervoort einige ihrer
wichtigsten Arbeiten, sie sind kompakt und wirken monumental,
obwohl sie höchstens 60 cm hoch sind. Die Motive sind
einfach, sie sind entlehnt aus den Dingen, mit denen wir
täglich umgehen. Das können Schranktüren oder
Tische sein. Die Sicht auf die Dinge ist neu, denn der Maßstab
wurde verändert. Verschiedene Standpunkte werden einkalkuliert,
mal stehen die Objekte auf hohem Sockel, ein andermal auf
flachem Boden. Gleichartige Formen, aber in unterschiedlichen
Größen, werden über- oder gegeneinander gestellt.
Die räumliche Ordnung ist nachvollziehbar und meist
symmetrisch angelegt. Es entstehen Räume und Durchblicke,
aber nie ist das Ganze auf einen Blick erfassbar. Erst im
Umschreiten erschließen sich die Ansichten, es ist
wie ein Spiel mit Nähe und Distanzen. Sehweisen werden
hinterfragt und sensibilisiert. Gebrauchsformen bekommen
eine neue Dimension, erweisen sich mitunter als tragfähig
für monumentale Gestaltungen.
Karien Vervoort begann ihren künstlerischen Werdegang
in ihre Geburtsland, der Niederlande. Nach einer eher kunsthandwerklich
orientierten Lehre als Gold- und Silberschmiedin studierte
sie an der „Gerrit Rietveld Akademie“ Amsterdam
Bildhauerei. Ihre Ausbildung war gründlich, sie vermittelte
technische Grundkenntnisse und Verarbeitungstechniken für
Metall, Holz, Gips und anderen Materialien und bot viele
Möglichkeiten für freies kreatives Gestalten. Nach
dem Studium erhielt Karien Vervoort staatliche Förderung
durch Stipendien und Auslandsaufenthalte. 1994/1995 arbeitete
sie als freischaffende Künstlerin in Berlin, seit 1995
lebt und arbeitet sie in Wernburg in Thüringen.
Bereits mit ihrer Examensarbeit 1987 setzte sie sich mit
dem Thema des Raumes auseinander, eine künstlerische
Aufgabe, die sie bis heute reizt.
In ihren Objekten „Niemandsland“ gestaltete
sie in unterschiedlicher Anordnung verkleinerte unbegehbare
Räume. Immer nur von einer Stelle aus ist es möglich,
das Innere blickmässig zu erfassen. Sie wirken wie enge
Korridore, nur ganz hinten besitzen sie eine Lichtöffnung.
Von anderen Ansichten ergibt sich ein fast gegenteiliger
Eindruck, denn kastenförmige Gebilde versperren den
Einblick.
Das Thema des nichtzubetretenen Raumes verarbeitete sie
eindrucksvoll in einer großen Metallskulptur, die von
der Gemeinde Almere 1990 mitten auf einen Parkweg aufgestellt
wurde. Eine Art Gitter versperrt den Weg, doch das Tor ist
für Menschen zu klein. Auch das Innere bietet keine
Behausung, denn der anschließende Raum minimiert sich
wie in einer extrem perspektivischen Verkürzung und
endet in einem Lichtviereck. Auch in anderen großformatigen
Skulpturen wird dieses Grundthema aufgegriffen. Doch die
Raumskulpturen bilden eher Barrieren, real und im geistigen
Sinne, denn sie erschließen sich nur schwer und fordern
die Mühe der Auseinandersetzung. Seit den neunziger
Jahren nähert Karien Vervoort sich ihrem bildnerischen
Problem auf ganz gegenteilige Weise. Vierbeinige Tischformen
bilden das Grundmodul für eine Reihe von Arbeiten, die
aus Bronze gegossen sind. Aufeinander gestellt verlieren
sie ihre eigentliche Funktion, der offenen Raum gewinnt an
Bedeutung. Spiegelbildlich gegeneinander gestellt entstehen
Raumgebilde, die an Architektur erinnern. Später verhüllte
sie die stark verkleinerten Tischformen mit decken, die bis
auf den Boden reichen. Die entstandenen Objekte wirken jetzt
als kompaktes Massenvolumen. Deren Positiv- und Negativformen
werden nun in unterschiedlichen Konstellationen auf ihre
räumliche Wirkung hinuntersucht. Karien Vervoort geht
es in ihren Skulpturen um Proportionalität und Maßstäblichkeit.
Dabei bemüht sie keine komplizierten Verhältnismäßigkeiten,
sondern baut auf sinnliche Alltagserfahrungen auf. Ihre Tischinstallationen „Maßstab
1“ von 1993 und „Maßstab 2“ von 1994
sind geistvolle Metapher dazu.
Ingrid Maut
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